Leadership & KI

20. February 2026|7 Minutes|In MISC

Cheap Transactions. Expensive Decisions.

Coase erklärte, warum Unternehmen entstanden. Wer erklärt, wie sie überleben?

Ronald H. Coase 1910 -2013 / Nobelpreis für erhielt 1991 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für „seine Entdeckung das sogenannte Coase-Theorem.

From efficiency to systemic decision architecture.

1937 veröffentlichte Ronald Coase seinen Aufsatz The Nature of the Firm. Die Frage war grundlegend: Warum existieren Unternehmen? Coases Antwort definierte ein Jahrhundert ökonomischen Denkens. Unternehmen existieren, weil Märkte Transaktionskosten verursachen. Informationssuche, Vertragsverhandlung, Abstimmung, Kontrolle – all das ist teuer. Firmen sind effizienter, wenn sie diese Reibung intern reduzieren. Produktivität bedeutete fortan: Transaktionen billiger machen als der Markt. Management verlangte: Koordination effizienter organisieren. Wettbewerbsvorteil meinte: Friktion kontrollieren. Diese Logik war richtig. Sie war mächtig. Sie hat industrielle Wertschöpfung skaliert.
Und sie verliert mit künstliche Intelligenz ihre Dominanz.

Digitale Infrastruktur und KI haben Transaktionskosten strukturell entwertet.

Informationssuche ist kein strategischer Aufwand mehr. Daten sind permanent verfügbar. Transparenz ist Default. Verhandlungen werden standardisiert. Plattformlogiken und Protokolle ersetzen individuelle Aushandlung. Abstimmung läuft automatisiert. Schnittstellen integrieren Prozesse in Echtzeit. Und Entscheidungsoptionen entstehen kontinuierlich – generiert durch Modelle, Simulationen, Algorithmen. Was früher organisatorische Exzellenz erforderte, ist heute Infrastruktur. Sicher, Transaction Costs verschwinden nicht vollständig. Aber sie definieren nicht mehr das strategische Spielfeld. Reibung zu reduzieren ist Voraussetzung geworden. Kein Differenzierungsmerkmal. Der Engpass liegt nicht mehr im Zugang. Sondern in der Auswahl. Und genau hier verschiebt sich die Ökonomie “der guten alten Firma.”

  • Information ist permanent verfügbar.
  • Verhandlungen sind standardisierbar.
  • Abstimmungen laufen automatisiert.
  • Entscheidungsoptionen entstehen in Echtzeit.

Doch aus dieser Entwertung der Transaktionskosten folgt kein linearer Produktivitätssprung. Im Gegenteil. Die operative Effizienz steigt – und mit ihr die systemische Komplexität. Denn KI beseitigt keinen Engpass an Leistungsfähigkeit. Sie erzeugt einen Überfluss an Möglichkeiten.

  • Mehr Optionen.
  • Mehr Simulationen.
  • Mehr Szenarien.
  • Mehr Handlungsalternativen.

Die Entscheidungslandschaft verdichtet sich in Echtzeit – schneller, dichter, dynamischer als jede klassische Führungsstruktur sie je kontrollieren konnte. Doch während die Zahl der Optionen exponentiell wächst, wächst strategische Relevanz nicht im selben Maß. Die Fähigkeit zu rechnen skaliert. Die Fähigkeit zu priorisieren nicht automatisch.

Unternehmen werden nicht von Daten gesteuert. Nicht von Modellen. Nicht von Algorithmen. Sondern von Bedeutung.
Und Bedeutung entsteht nicht als Nebenprodukt von Analyse. Sie entsteht dort, wo entschieden wird, was zählt – und was nicht.
Analyse erzeugt Möglichkeiten. Bedeutung setzt Richtung. Erst sie macht Entscheidung möglich.

Die strukturelle Verschiebung I

Hier verschiebt sich der ökonomische Engpass.

Eine neue Form von Kosten entstehen – nennen wir sie “Meaning Costs”. Sie entstehen dort, wo Organisationen entscheiden müssen, welche Option strategisch zählt, welche Initiative auf dieselbe Zielarchitektur einzahlt, welcher Output Substanz hat – und welcher nur Aktivität imitiert. Neue Aufwendungen, die etwas tückisches haben, denn Je leistungsfähiger KI wird, desto schneller steigen Meaning Costs.
Nicht weil Information fehlt – sondern weil Priorität knapp wird.

  • KI erhöht Entscheidungstrigger
  • Komplexität kumuliert
  • Governance skaliert nicht automatisch mit

KI erzeugt mehr Optionen. Mehr Optionen erzeugen mehr Entscheidungsräume. Mehr Entscheidungsräume erhöhen Koordinations- und Kohärenzkosten.

Das bedeutet:

  • Mehr Geschwindigkeit → mehr Iteration
  • Mehr Iteration → mehr Varianten
  • Mehr Varianten → höhere Kontext-Fragmentierung

KI verschiebt die Trade-offs. Aber sie hebt sie nicht auf. Und genau hier entsteht ein neuer Markt.

Bedeutung ist keine Analyse. Sie ist eine Steuerungsvariable vor der Entscheidung.

Parallel dazu verschiebt sich die zweite Säule der klassischen Unternehmenslogik.

Koordinationskosten waren im Industriezeitalter sichtbar: Hierarchien, Meetings, Kommunikationswege, Schnittstellen.
Digitale Tools haben diese Coordination Costs drastisch reduziert. Koordination ist technisch billig geworden.
Doch billig ist nicht kohärent. Wenn Teams lokal optimieren, wenn Geschäftsbereiche autonom Effizienz steigern, wenn KI-Systeme isoliert Entscheidungen vorbereiten, kann das Gesamtsystem dennoch strategisch auseinanderdriften. Hier entsteht eine weitere neue Kostenstelle im Unternehmen – nennen wir sie “Coherence Costs“.

Im Zeitalter autonomer KI-Systeme werden Coherence Costs keine marginale Nebenerscheinung sein. Sie werden zum strukturellen Normalzustand.
Denn je stärker Entscheidungsfähigkeit technologisch skaliert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit semantischer Divergenz im System. Lokale Optimierung steigt schneller als strategische Integration. Coherence Costs sind der ökonomische Preis fehlender semantischer Ausrichtung. Sie entstehen nicht durch Inkompetenz oder mangelnde Effizienz, sondern durch die Entkopplung von Entscheidungslogik und Gesamtarchitektur. Sie manifestieren sich nicht als sichtbares Chaos, sondern als stille Erosion strategischer Einheit:

  • widersprüchliche Prioritäten,
  • konkurrierende Narrative,
  • Ressourcenallokation ohne gemeinsame Entscheidungsarchitektur.

Gerade weil Prozesse effizient laufen, bleibt diese Fragmentierung lange unsichtbar – bis sie strategische Wirkung entfaltet.

Je mehr autonome Systeme im Unternehmen beteiligt sind, desto exponentieller wächst dieser Effekt.

Die strukturelle Verschiebung II

Eine organisatorische Singularität.

Hier berühren wir einen größeren Zusammenhang. Wenn die technologische Singularität beschreibt, dass Intelligenz sich schneller entwickelt, als der Mensch sie begreifen kann, dann erleben wir gerade eine organisatorische Singularität. Sie beginnt dort, wo Koordination sich schneller beschleunigt, als traditionelle Managementstrukturen sie kontrollieren können.

Management war historisch ein Kontrollinstrument für Koordination. Doch wenn Koordination in Echtzeit, algorithmisch und dezentral skaliert, verliert Kontrolle ihre Wirksamkeit. Was bleibt, ist die Notwendigkeit systemischer Entscheidungsarchitektur.

  • Die nächste Stufe der Produktivität wird nicht aus noch mehr Automatisierung entstehen.
  • Nicht aus größerer Rechenleistung.
  • Nicht aus mehr Code.

Sie entsteht dort, wo Bedeutung und Kohärenz systemisch entschieden werden – bevor Output in Aktion übergeht.
Coase erklärte, warum Unternehmen existieren: um Transaktionskosten zu senken. Die Frage unserer Zeit ist eine andere:

Wie bleibt ein Unternehmen entscheidungsfähig, wenn Transaktionen billig, Optionen unbegrenzt und Koordination entgrenzt sind?

Vielleicht markiert das nicht das Ende von Coase. Sondern die nächste Phase seiner Logik. Wenn das 20. Jahrhundert von der Reduktion von Transaktionskosten geprägt war, dann wird das 21. Jahrhundert von der Steuerung von Bedeutung geprägt sein.

Günstige Transaktionen haben das moderne Unternehmen ermöglicht.
Systemische Entscheidungen werden seine Zukunft bestimmen.



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